Mauerwerk prüfen als Bauherr: Verbund, Lot, Fugen, Steine
Wenn die Wände gemauert sind, siehst du sie noch offen vor dir. Später kommt Putz drüber, und vieles ist nicht mehr zu erkennen. Schau deshalb vorher genau hin.
Ich habe 40 Jahre auf dem Rohbau gearbeitet. Du musst kein Fachmann sein, um die wichtigsten Punkte zu erkennen. Du brauchst eine lange Wasserwaage, einen Zollstock und dein Handy.
Kurz gesagt
- Verbund: Die senkrechten Fugen müssen von Reihe zu Reihe versetzt sein.
- Lot: Richtwert etwa 8 mm auf 3 m. Ein kleiner Spalt hinter der Wasserwaage ist normal.
- Lagerfuge: Bei Planziegeln 1 bis 3 mm, vollflächig. Bei normalem Mörtel etwa 10 bis 12 mm.
- Stoßfuge: Ohne Mörtel ist oft erlaubt. Ein Spalt über etwa 5 mm muss geschlossen werden.
- Steine: Lieferschein und Palettenaufkleber mit der Baubeschreibung vergleichen.
- Fotos: Immer mit Zollstock oder Wasserwaage im Bild, solange die Wand offen ist.
Wann du hinschauen solltest
Beim Mauerwerk gibt es drei gute Zeitpunkte. Je früher dir etwas auffällt, desto leichter lässt es sich korrigieren.
- Wenn die erste Reihe steht: Liegt die Kimmschicht waagerecht? Ist darunter eine Sperrbahn, wenn sie geplant ist?
- Wenn die ersten Reihen stehen: Stimmt der Stein? Sind die Fugen voll? Ist der Verbund versetzt? Steht die Wand im Lot?
- Bevor die Decke kommt: Stimmen die Öffnungen? Liegen die Stürze weit genug auf? Sind die Innenwände angebunden?
Der Verbund der Steine
Einen guten Verbund erkennst du daran, dass die senkrechten Fugen nicht genau übereinander liegen. Die Steine sind gegeneinander versetzt, wie bei einem Ziegelmuster. So verteilt sich die Last über die ganze Wand.
Liegen die senkrechten Fugen dagegen über mehrere Reihen genau übereinander, nennt man das Schleppfuge. Dann fehlt der Verband, und die Wand ist schwächer. Achte vor allem auf Ecken, Anschlüsse und Öffnungen. Dort wird mit Passstücken gearbeitet, und dort passiert es am häufigsten. Wie viel Versatz mindestens nötig ist, hängt von der Steinhöhe ab und steht in den Angaben des Herstellers.
Die erste Reihe: die Kimmschicht
Die erste Steinreihe wird in einem Mörtelbett exakt waagerecht ausgerichtet. Das ist die Kimmschicht. Ist sie schief, zieht sich der Fehler durch die ganze Wand, bis hinauf zu Fenstern und Decke.
Leg die Wasserwaage auf die erste Reihe. Achte darauf, ob die Mörtelfuge darunter überall ähnlich dick ist und ob Steine wackeln oder hohl liegen. Ist eine Sperrbahn geplant, siehst du sie als schmalen Streifen unter der ersten Reihe. Sie verhindert, dass Feuchtigkeit aus der Bodenplatte in der Wand hochsteigt.
Steht die Wand im Lot?
Halte eine lange Wasserwaage senkrecht an die Wand. Mach das an mehreren Stellen pro Wand, auch an den Ecken. Bei längeren Wänden schaue ich bei einer Türöffnung die Wand entlang, ob sie bauchig ist.
Ein Richtwert sind etwa 8 Millimeter auf 3 Meter Höhe. Ein kleiner Spalt liegt also meist in der Toleranz. Kippt die Wand sichtbar, merkst du das später bei Fenstern, Decken und spätestens, wenn die Küche nicht an die Wand passt. Dann machst du ein Foto mit Wasserwaage und Zollstock und sprichst es an, solange erst ein paar Reihen stehen.
Lagerfugen: Hält der Mörtel die Steine?
Die waagerechte Fuge heißt Lagerfuge. Sie trägt die Last. Bei Planziegeln und Planblöcken liegt nur eine dünne Schicht Dünnbettmörtel von etwa 1 bis 3 Millimetern zwischen den Steinen, und die muss die ganze Steinoberfläche bedecken. Bei normalem Mauermörtel ist die Fuge etwa 10 bis 12 Millimeter dick.
Stell dir einen Tisch vor, der nur auf drei Beinen steht. Er hält, aber die ganze Last liegt auf wenigen Punkten. So geht es einem Stein, unter dem der Mörtel fehlt. Am besten siehst du die Lagerfuge an Fenster- und Türöffnungen und an den Ecken. Siehst du Lücken oder wackeln Steine, frag nach der Herstellervorgabe.
Stoßfugen: Fugen ohne Mörtel sind oft kein Pfusch
Die senkrechte Fuge heißt Stoßfuge. Viele Bauherren erschrecken, wenn sie dort keinen Mörtel sehen. Meistens ist das in Ordnung. Viele moderne Steine haben eine Nut-und-Feder-Verzahnung und dürfen ohne Mörtel knirsch gestoßen werden, also mit etwa 2 Millimetern Abstand.
Klafft aber ein Spalt von mehr als etwa 5 Millimetern, durch den du fast durchschauen kannst, muss er an der Oberfläche mit Mörtel geschlossen werden. Besonders an Außenwänden ist das wichtig, wegen Luftdichtheit und Schallschutz. Mach ein Foto mit Zollstock im Bild und frag nach, wie die offenen Fugen geschlossen werden.
Steine und Mörtel: Ist das drin, was bezahlt wurde?
Stein ist Stein, denken viele. Ist er nicht. Steine unterscheiden sich in Festigkeit, Gewicht und Dämmwert. Was verbaut werden soll, steht in Plan, Statik und Baubeschreibung.
Du brauchst dafür zwei Fotos und dreißig Sekunden: den Lieferschein und den Aufkleber an der Palette. Vergleiche beides mit der Baubeschreibung. Achte auch darauf, ob die Wandstärke zum Plan passt und ob in einer Wand verschiedene Steine gemischt werden. Weicht etwas ab, frag schriftlich, wer das freigegeben hat. Was heute auf der Palette steht, steckt für immer in deiner Wand.
Öffnungen, Stürze und Anschlüsse
Miss Breite und Höhe jeder Fenster- und Türöffnung und vergleiche sie mit dem Plan. Ein paar Millimeter sind kein Thema, Zentimeter schon, denn die Fenster sind oft bereits bestellt.
Über jeder Öffnung liegt ein Sturz. Er trägt die ganze Wand darüber und muss auf beiden Seiten weit genug aufliegen. Häufig sind es mindestens 11,5 Zentimeter, maßgeblich sind Hersteller und Statikplan. Ragt er nur ein paar Zentimeter auf die Wand oder ist er mit Ziegelstücken unterfüttert, ist das zu wenig. Mehr dazu steht im Artikel Decke und Ringanker.
Wird eine Innenwand nicht mit der Außenwand verzahnt, sondern stumpf davor gestellt, müssen in den Lagerfugen Maueranker liegen. Fotografiere solche Anschlüsse, bevor sie zugeputzt werden.
Die häufigsten Mängel im Mauerwerk
Nicht alles, was komisch aussieht, ist ein Mangel. Hier sind die Fälle, die ich auf Baustellen am häufigsten sehe, mit dem, woran du sie erkennst.
Gelb · Blatt 26
Fugen übereinander (fehlender Verband)
Laufen die senkrechten Fugen über mehrere Reihen genau übereinander, fehlt der Verband. Bei tragenden Wänden über mehrere Reihen ist das ein roter Punkt.
- senkrechte Fugen bilden eine durchgehende Linie
- vor allem an Ecken, Anschlüssen und Öffnungen
- sehr kleine oder gehäufte Passstücke
Gelb · Blatt 27
Schiefe oder fehlende Kimmschicht
Ist die erste Reihe schief, zieht sich der Fehler durch die ganze Wand.
- Wasserwaage zeigt auf der ersten Reihe Gefälle
- unterschiedlich dicke Mörtelfuge unten
- Steine wackeln oder liegen hohl
Gelb · Blatt 31
Wand nicht im Lot
Ein kleiner Spalt hinter der Wasserwaage ist normal. Kippt die Wand sichtbar, stimmt etwas nicht.
- Wasserwaage liegt oben oder unten weit ab
- Ecken laufen nicht senkrecht
- Fenster passen später schief in die Öffnung
Gelb · Blatt 32
Dünnbettmörtel nicht vollflächig
Bei Planziegeln trägt eine dünne Mörtelschicht die Last. Sie muss die ganze Steinoberfläche bedecken.
- Lücken in der waagerechten Fuge
- Steine wackeln
- Mörtel nur als Streifen aufgetragen
Gelb · Blatt 25
Offene Stoßfugen
Trocken gestoßene Steine mit Nut und Feder sind erlaubt. Ein Spalt über etwa 5 mm muss geschlossen werden.
- senkrechte Fuge, durch die man durchschauen kann
- Spalt deutlich breiter als ein Bleistift
- abgebrochene Ecken an den Stößen
Gelb · Blatt 34
Andere Steine verbaut als geplant
Bei tragenden Wänden mit anderer Festigkeit ist das ein roter Punkt.
- Bezeichnung auf Palette oder Lieferschein weicht ab
- andere Wandstärke als im Plan
- verschiedene Steine in einer Wand
Rot · Blatt 28
Zu tiefe Schlitze in tragenden Wänden
Schlitze für Leitungen sind in tragenden Wänden nur begrenzt erlaubt. Tief und unkontrolliert gestemmt, wird die Wand geschwächt.
- Schlitz tiefer als ein Daumen breit
- ausgebrochene, unregelmäßige Ränder
- waagerechte oder schräge Schlitze über längere Strecken
Rot · Blatt 29
Treppenriss im Mauerwerk
Ein Riss, der treppenförmig durch die Fugen läuft und an einem Ende breiter ist, kann auf Setzungen hindeuten. Feine Netzrisse im Putz sind dagegen meist nur oberflächlich.
- Riss folgt den Fugen in Stufen
- beginnt an Öffnungsecken
- ein Ende deutlich breiter als das andere
Was du in jedem dieser Fälle konkret tust und mit welchem Satz du es beim Bauleiter ansprichst, steht auf dem jeweiligen Blatt im Rohbau-Guide.
Was du fotografieren solltest
Fotos sind dein Beweis, wenn später jemand sagt, es sei schon immer so gewesen. Mach sie immer mit Zollstock oder Wasserwaage im Bild und notiere das Datum.
- die erste Reihe mit Wasserwaage, und darunter die Sperrbahn, falls geplant
- Lieferschein und Palettenaufkleber der Steine
- jede Wand mit senkrecht angelegter Wasserwaage
- Lager- und Stoßfugen an Öffnungen und Ecken
- Stürze links und rechts mit Zollstock am Auflager
- Anschlüsse von Innenwänden an Außenwände
- Schlitze für Leitungen, bevor sie zugeputzt werden
Wenn jemand sagt: „Passt schon“
Frag nach, wenn dir etwas auffällt. Zum Beispiel, warum die Überlappung so knapp ist oder warum die Ecken nicht sauber verarbeitet wurden. Eine gute Antwort erklärt dir, warum es so passt. Bleib dabei freundlich, aber halte die Antwort schriftlich fest. Eine kurze Nachricht mit Foto reicht.
Wann ein Fachmann dazugehört
Ich würde einen Fachmann hinzuziehen, wenn:
- die Wände nicht zu den Planmaßen passen,
- man tatsächlich sieht, dass sie nicht im Wasser stehen,
- ich mehrere Schleppfugen sehe, also senkrechte Fugen, die übereinanderliegen, vor allem, wenn eine Mauer nicht in die andere eingebunden wurde,
- tiefe Schlitze in tragende Wände gestemmt wurden,
- ein treppenförmiger Riss auftaucht und mit der Zeit breiter wird.
Häufige Fragen
Wie schief darf eine gemauerte Wand sein?
Ein Richtwert sind etwa 8 Millimeter auf 3 Meter Höhe. Ein kleiner Spalt hinter der Wasserwaage liegt also meist in der Toleranz. Kippt die Wand sichtbar, fotografiere es und sprich es an, solange erst wenige Reihen stehen.
Sind senkrechte Fugen ohne Mörtel Pfusch?
Meistens nicht. Steine mit Nut und Feder dürfen in der senkrechten Fuge ohne Mörtel knirsch gestoßen werden, also mit etwa 2 Millimetern Abstand. Ein offener Spalt von mehr als etwa 5 Millimetern muss aber geschlossen werden.
Wie dick ist die Lagerfuge bei Planziegeln?
Etwa 1 bis 3 Millimeter Dünnbettmörtel, und der muss die ganze Steinoberfläche bedecken. Bei normalem Mauermörtel ist die Fuge etwa 10 bis 12 Millimeter dick. Maßgeblich ist die Herstellervorgabe.
Wie erkenne ich, ob der richtige Stein verbaut wurde?
Fotografiere den Lieferschein und den Aufkleber an der Palette und vergleiche beides mit Baubeschreibung und Plan. Weicht etwas ab, frag schriftlich, wer das freigegeben hat.
Wann sollte ich beim Mauerwerk einen Sachverständigen holen?
Wenn die Wände nicht zu den Planmaßen passen, eine tragende Wand sichtbar schief steht, Fugen über viele Reihen genau übereinander liegen, tiefe Schlitze in tragende Wände gestemmt wurden oder ein treppenförmiger Riss wächst.
Der Kurs zum Thema
Wie du Wände und Mauerwerk Schritt für Schritt prüfst, zeige ich dir im Bauherren-Fahrplan, in Kapitel 9 (Wände und Mauerwerk).
Wie du den ganzen Rohbau am Ende prüfst, steht im Artikel Rohbauabnahme.

Fritz Kimmel ist seit 40 Jahren Maurer und hat unzählige Rohbauten hochgezogen. Auf Bauretter zeigt er privaten Bauherren, worauf sie auf ihrer Baustelle selbst achten können. Er ist kein Sachverständiger und ersetzt keine Prüfung vor Ort.
